Presse

Wiener Zeitung, Feuilleton
Erforschen, wo man herkommt
18.03.2011


Barack Obama ist mit Brad Pitt verwandt, US-Außenministerin Hilary Clinton mit der Schauspielerin Angelina Jolie. Weihnachten und Geburtstage verbringt man trotz der Verwandtschaft getrennt, ist diese doch eine recht entfernte: Obama und Pitt sind wie Jolie und Clinton Cousins neunten Grades, hat ein amerikanischer Familienforscher aus Anlass des letzten Präsidentschaftswahlkampfs herausgefunden. Der Genealoge Christopher Child erforschte drei Jahre lang die Stammbäume der Kandidaten und fand jede Menge Präsidenten unter Obamas Ahnen: Neben George W. Bush und Harry Truman ist Obama auch mit Gerald Ford und Lyndon B. Johnson über mehrere Ecken verwandt. Auch in Österreich finden sich US-präsidiale Spuren: Präsidentschaftskandidat (2004) und Senator John Kerry hat Vorfahren in Österreich, zwei Geschwister seiner Großmutter wurden 1942 nach Theresienstadt deportiert.

Felix Gundacker, Österreichs einziger Berufsgenealoge erforschte den Stammbaum Kerrys. An Gundacker wenden sich Kunden aus den USA, aus Australien, Kanada und Südamerika, die auf der Suche nach ihren Wurzeln in Österreich und den ehemaligen Kronländern sind und bei ihrer Suche Hilfe benötigen, aber auch immer mehr Österreicher nehmen seine Dienste in Anspruch. Speziell in den USA ist die Ahnenforschung in den vergangenen Jahrzehnten eine sehr beliebte Freizeitbeschäftigung, in Österreich und im deutschsprachigen Raum erwacht in den letzten Jahren das Interesse dafür. Das Internet und Datenbanken erleichtern vielfach die Suche nach den Ahnen, unzählige Anbieter im Web bieten ihre – teils kostenpflichtige – Hilfe bei der Suche nach den Urururururgroßeltern. Auch Felix Gundacker hat sich zunächst für seine eigene Familiengeschichte interessiert. Die zufällige Begegnung mit einem anderen Herrn Gundacker gab die Initialzündung, den eigenen Stammbaum zu erforschen. 1989 gab Gundacker seinen Beruf als Techniker auf und wurde Berufsgenealoge, er erforscht nun im Auftrag von Kunden deren Stammbäume und lehrt Forschungstechniken in Volkshochschulkursen. Das Interesse an Ahnenforschung sei enorm und wachse in den vergangenen Jahren stetig, erklärt Gundacker. „Die Menschen suchen ein Pendant zur technisierten und schnelllebigen Welt.“ Den klassischen Familienforscher gibt es nicht: An Gundacker wenden sich mehr Frauen als Männer - „das Verhältnis ist 55 zu 45 Prozent“ – und das Interesse sei unabhängig von der sozialen Schicht, „von der Raumpflegerin bis zum Kommerzialrat“ wollen Menschen wissen, woher ihre Vorfahren abstammen, welche Namen sie trugen, über ihre Berufe und Schicksale erfahren. Auch das Alter der Interessenten reiche von 25 bis 85 Jahren.

Ahnenforschung bedeutet geduldiges Forschen in Datenbanken, Stöbern in Kirchenbüchern und Übersetzen von alten Dokumenten, immer mehr Menschen fasziniert dieses zeitintensive Hobby. Wer besser in die vergangenen Jahrhunderte dringen will, muss sich vernetzen, über Foren im Internet oder in genealogischen Vereinen. Noch vor dem zweiten Weltkrieg war der deutsche Sprachraum in der Ahnenforschung sehr aktiv, viele Vereine wurden gegründet. Im Nationalsozialismus versuchte das NS-Regime, die Vereine gleichzuschalten und in den Dienst seiner Ideologie zu stellen. Die Ahnenforschung wurde zur Sippenforschung und Ahnenpässe dienten zum Nachweis der arischen Abstammung. Der Begriff Ahnenforschung bekam einen mehr als schalen Beigeschmack, nach 1945 gab es so gut wie keine Vereine mehr. Erst in den 50er-Jahren begannen Familienforscher wieder, sich zu organisieren und zu vernetzen, in der Zwischenzeit waren es die USA und die Niederlande oder Schweden, wo man sich verstärkt für Familienforschung interessierte. Viele Emigranten wollten über ihre Ahnen und ihre Herkunft Bescheid wissen. „Der Zweite Weltkrieg hat enorme Lücken hinterlassen, vor allem in der jüdischen Gemeinde wurde sehr viel Material zerstört“, erzählt Gundacker.

Wer sich heute auf die Suche nach seinen Vorfahren und an die Erstellung eines Stammbaumes macht, erhält durch das Internet und elektronische Datenbanken Arbeitserleichterung, wenn auch zum Überwinden von toten Punkten Reisen und Recherchen in alten Kirchenbüchern nicht ausbleiben. Die meisten seriösen Angebote im Internet sind kostenlos, so stellt etwa die Diözese St. Pölten unter matricula-online.at die Einträge von über 400 Pfarren elektronisch zur Verfügung. Gundacker hat vor einem Jahr das Projekt GenTeam gegründet, an dem jeder kostenlos teilnehmen kann. Der Benutzer – mittlerweile gibt es 8800 davon – hat Zugriff auf über 3,7 Millionen Datensätze. So sind etwa ein Index der israelitischen Kultusgemeinde, Indices der evangelischen (von 1782 bis 1870) und katholischen Trauungen von den Jahren 1542 bis 1860 Teil von GenTeam. Andere Quellen sind grundherrschaftliche Bücher, Mühlenverzeichnisse oder Sterbeverzeichnisse. In Deutschland bietet der Verein für Computergenealogie unter genealogy.net seine Daten ebenfalls kostenlos Hobbyforschern an. Viele Angebote im Internet sind allerdings kostenpflichtig, wie der größte Anbieter für Ahnenforschung im Internet, die US-Firma Ancestry, die auch in Deutschland angesiedelt ist: Das Deutschland Premium Paket kostet 29,95 Euro für 6 Monate, das Paket International Deluxe satte 199 Euro im Jahr. Bei ausländischen Angeboten lohnt sich auch immer ein Blick in die Datenschutzrichtlinien, da möglicherweise fremdes Recht angewandt wird. Einige schwarze Schafe versuchen über die Eingaben der User bei der Suche nach Ahnen an Datenmaterial zu kommen oder verfügen nicht über die versprochenen Quellen. „Viele versuchen Geschäfte zu machen“, erklärt Genealoge Gundacker: „Es gibt viele zweifelhafte Angebote im Internet, leider wirkt sich das auf unseren Ruf aus.“

In Österreich darf jeder seine eigenen Vorfahren erforschen, erklärt Gundacker. Interessiert man sich für fremde Stammbäume, gilt zunächst das Datenschutzgesetz für lebende Personen, dann das Personenstandsgesetz für die letzten 100 Jahre. Archivbestände vor 1910 sind für jedermann einsehbar. Wenn Gundacker für seine Kunden nach deren Vorfahren forscht, erhält er eine Vollmacht. Die Kosten für eine solche Recherche seien sehr individuell, erklärt er: „Man kann vom Kleinwagen bis zum Bugatti alles haben.“ Die Kosten hängen von den Kundenwünschen ab: „Manche wollen die Namensträgerlinie bis 1700 erforschen, manche wollen den ganzen Strauß. Manche wollen wissen, ob sie mit einem Freund gleichen Namens verwandt sind oder was aus ihrem Onkel geworden ist.“ Die Kunden stellen alle Unterlagen zur Verfügung, die sie bereits haben – von Geburtsurkunden über Dienstzeugnisse bis zu Partezetteln -, dann beginnt Gundacker seine Forschung. Wenn Informationen noch nicht im Internet zu finden sind, „muss ich hinfahren, wo die Vorfahren gelebt haben, nach Pilsen, nach Ungarn oder auch nach Athen.“ Ahnen lassen sich etwa bis 1700 zurückverfolgen, die Aufzeichnungen beginnen nach den großen kriegerischen Auseinandersetzungen wie dem 30-jährigen Krieg oder der Türkenbelagerung, vorher wurden viele Unterlagen durch Kriege zerstört. Zu den Hürden für Familienforscher zählen vor allem fehlende Kurrentkenntnisse, aber auch Fremdsprachenkenntnisse wie Latein oder Tschechisch und Ungarisch können von Nutzen sein. Auch uneheliche Geburten – 1840 etwa waren 41 Prozent aller Kinder unehelich – können die Suche erschweren, ebenso falsche Informationen durch die Eltern oder Großeltern, die ein Familiengeheimnis schützen wollen. „Wenn man nichts findet, muss die Geschichte falsch sein“, sagt Gundacker. Wie bei einem in die USA ausgewanderten Wiener, für den Gundacker Informationen über den leiblichen Vater suchen sollte, der in Stalingrad gefallen war. Nach langer Suche stellte sich heraus, dass der Vater keineswegs in Stalingrad gefallen war, sondern noch bis in die 80er-Jahre in Wien lebte. Allerdings verheiratet – der ausgewanderte Wiener war das Ergebnis einer außerehelichen Affäre gewesen und seine Mutter wollte dieses Geheimnis vor ihm verheimlichen. Ein anderes Mal konnte Gundacker zwei Cousins, einen Brasilianer und einen Burgenländer, zusammenbringen. Eine Frau Lueger aus den USA musste er enttäuschen, sie war nicht mit dem ehemaligen Bürgermeister Wiens verwandt, dafür mit Gundacker selbst.

Die Motivation von Menschen, die selbst nach ihrer Familie forschen oder sich an ihn wenden, sei stets eine ähnliche: „Man möchte wissen, wo man herkommt, aus welchem Kulturkreis, welchen Orten die Vorfahren stammen. Danach beobachtet man Epochen und Orte ganz anders, oft ist die Ahnenforschung ein Einstieg in ein Interesse für Geschichte“, sagt Gundacker. „Nur ein Bruchteil hofft bei der Suche nach den Ahnen auf blaues Blut zu stoßen.“

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